Lesungsbericht zu „In der Nacht“ von Dennis Lehane

Ich bin wahrscheinlich eine der wenigen, die Dennis Lehane noch nicht mal vom Namen her kannte. Da ich wenige Filme schaue, habe ich weder „Gone Baby Gone“ noch „Shutter Island“ oder „Mystic River“ gesehen – Asche auf mein Haupt.
Aber als Ende letzten Jahres das Buch „In der Nacht“ von ihm angekündigt wurde, hat es mich sofort interessiert. Ich hab es verschlungen und mich seitdem auf die Lesung mit Dennis Lehane gefreut, der gestern im Rahmen des Krimifestival Münchens im Literaturhaus seinen letzten Auftritt in Deutschland hat (zumindest für diese Lesereise).

Der Abend begann bereits grossartig, weil ich mich schon vorher mit Karla (aka Buchkolumne) zu einem ausgiebigen Plausch getroffen habe und uns pünktlich zum Einlass in der ersten Reihe Plätze besetzen konnte. Zudem bin ich direkt dem Autor und seiner Begleitung aus dem Diogenes Verlag in die Arme gelaufen, als sie das Literaturhaus betraten. Selbstverständlich habe ich beide direkt erkannt und mit Namen begrüßt 🙂

Als die Lesung dann begann, kam noch während der Anmoderation eine Dame durch den Mittelgang zu mir vor und sagte mit nur wenig gesenkter Lautstärke, ich solle endlich das Handy ausschalten, das würde sie furchtbar stören. Ich war einigermassen überrascht, habe aber darauf verzichtet, der Dame zu erklären, dass ich von der Lesung via twitter live berichte und das Literaturhaus das durchaus gutheisst. Sie hätte es wohl nicht verstanden und ausserdem wollte ich die nette Einführung nicht mit einer Debatte im Publikum stören. Daher gab es gestern leider nicht wie sonst eine Menge Tweets von mir, sondern nach langer Zeit mal wieder einen Blogbeitrag zu einer Lesung – alles hat sein Gutes 😉

Lehane hat mit „In der Nacht“ einen Krimi über Gangster und Gesetzlose geschrieben, die in den 20er und 30er Jahren in den USA in Zeiten der Prohibition und Weltwirtschaftskrise auf ihre Art über die Runden kommen. Im Mittelpunkt steht Joe, der sich in Boston als Kleinkrimineller verdingt und hier und da mal eine Spielhölle ausraubt, bei einem Banküberfall ins Fadenkreuz der Polizei gerät und sich letztlich in Florida als einer der grössten Alkoholschmuggler etabliert. Moderator Günter Keil fing dann auch direkt an, Dennis Lehane zu dieser Kriminalhandlung zu befragen und Lehanes Antwort überraschte glaube ich alle im Saal: Der Roman sei zwar eine Kriminalgeschichte, aber hauptsächlich gehe es doch um die Liebe. Und zwar konkret um die 2 Arten von Liebe im Leben eines Mannes, seine ersten Liebe zu einer Frau und die Liebe, die er danach einer anderen Art von Frau schenkt, wenn er besser weiss, was er will.
Ja, auch aus meiner Sicht ist es das, was diesen Roman auszeichnet. Er ist sowohl authentisch und packend in der Kriminalhandlung  als er auch die Hauptprotagonisten und ihre Beziehungen zueinander ganz genau beleuchtet und zeichnet.

Im Lauf des Abends war es eine pure Freude, Lehane zuzuhören. Dem Moderator gelang es, ein lebendiges Gespräch mit Lehane aufzubauen, in dem er darüber plauderte, dass er mit Akteuren aus Hollywood wie Leonardo Di Caprio oder Martin Scorsese tatsächlich nur dann spricht, wenn er mit ihnen arbeitet. Und dass er zu Beginn eines Romans immer nur wenige Fixpunkte der Geschichte kennt, die er einbauen will – meistens einer am Anfang, einer in der Mitte und einer kurz vor Schluss. Aber wie er dann von einem zum nächsten kommt, das entwickelt sich erst beim Schreiben. Für das Erzählen von Geschichten hat er uns 3 Ratschläge mitgegeben, die er als Kind gelernt hat, als sein Vater ihn oft in Bars mitgenommen hat: 1. Fang direkt mit der Handlung an, keine lange Einleitung der Situation oder so, 2. Die Geschichte muss lustig sein, wenn sie in einer tragischen Umgebung spielt und 3. Erzähl eine glaubwürdige Geschichte.
Um die Glaubwürdigkeit sicherzustellen, hat er für diesen Roman allerdings nur wenig recherchiert, zB wie Anzüge damals geschnitten waren. Da hat er aus seinem vorigen Roman gelernt, für den er ein ganzes Jahr lang recherchiert hat und letztlich nur 5% der Fakten in die Handlung aufgenommen hat.

Der einzige Wermutstropfen dieser Lesung war der Übersetzer Sky Nonhoff, der zwar dieses Buch aus meiner Sicht sehr gelungen übersetzt hat, aber nicht besonders packend daraus vorlesen konnte. Und anstatt die Frage des Moderators zu beantworten, wie er sich denn den Gangsterslang der 20er Jahre angeeignet hat, hat er lamentiert, wie wichtig das sei, den Flow der Handlung in der Übersetzung zu treffen. Das stimmt ja, aber mich hatte ehrlich gesagt mehr die Antwort auf Günter Keils Frage interessiert. Meistens lesen ja Schauspieler die deutschen Textstellen von ausländischen Autoren bei ihren Lesungen. Insgeheim habe ich mich da schon gefragt, was Dennis Lehane sich wohl bei der laschen Intonierung von Sky Nonhoff gedacht hat. Immerhin hat er durch seine Verfilmungen einige hochkarätige Schauspieler kennengelernt und weiss, wie anders das klingen kann.
Da der Fokus an diesem Abend aber mehr auf dem Gespräch mit Lehane lag, wog diese kleine Enttäuschung nicht so schwer.

Dennis Lehane ist jetzt schon wieder auf dem Weg nach Hause in die USA, wo er sich hoffentlich schnell auskuriert. Er hat sich in den letzten Tagen nämlich kräftig den Magen verdorben und ob seine Stimme immer so sexy-rau klingt, wage ich auch zu bezweifeln. Letzteres hat aber zumindest meinen Zuhör-Genuss noch verstärkt. Und ich höre ihn immer noch sagen: „You don’t choose your obsessions, they choose you“.

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2 comments on “Lesungsbericht zu „In der Nacht“ von Dennis Lehane

  1. So verschieden können Geschmäcker sein. Sky Nonhoff hat großartig gelesen (nicht anders zu erwarten, der ist schließlich auch Radiosprecher und Fernsehautor), fand ich, und auch kluge Antworten gegeben, wenn auch zu kurz, hätte auch gern mehr erfahren. Sehr geile Lesung insgesamt.

  2. Das Schöne am Leben ist ja, dass jeder es anders empfindet 🙂 Hauptsache, wir haben beide den Abend genossen. Ich war auch schwer begeistert.

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