Interview mit Eva Rossmann zu „Patrioten“

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Eva Rossmann hat bisher 19 Kriminalromane um die neugierige Journalistin Mira Valensky und ihre lebenslustige Freundin Vesna geschrieben. Hierin werden immer gesellschaftlich relevante Themen mit einem Schuss Humor, einer Prise Kulinarik und viel Gerechtigkeitssinn betrachtet.

Ihr aktueller Roman „Patrioten“ hebt sich davon deutlich ab. Er ist der schonungslose Blick auf politisch motivierte Interpretationen, auf ihre Lenker und Nachläufer, auf rechtsradikale, die sich so nicht nennen wollen und Flüchtlinge, die von ihnen instrumentalisiert werden.

Ich danke Eva Rossmann, dass sie sich die Zeit genommen hat, meine Fragen in diesem Interview zu beantworten.

Frau Rossmann, was hat Sie dazu gebracht, Ihren Stil so radikal zu ändern?

Ich glaube, das Inhalt und Form zusammenpassen müssen. Und bei den wuchtigen Themen Angst, Verhetzung, Nationalismus, Terror, aber auch Sehnsucht nach Gemeinschaft im Privaten und im Politischen schien es mir besser, sie aus den Blickwinkeln mehrerer, sehr unterschiedlicher Personen zu erzählen. Das macht die Gefahr der Besserwisserei auch geringer – Selbstgerechtigkeit gibt’s heutzutage ohnehin mehr als genug.

Im Internet vermeide ich es, die Kommentare unter Artikeln oder auf Facebook zu lesen. Sie positionieren diese nun gezielt im Roman und in mir zieht sich beim Lesen alles zusammen. Wie viele Kommentare haben Sie zur Recherche gelesen und wie halten Sie das aus?

Unzählige! Und das Schlimmste war: Man kann sie nicht einfach abtun als Rülpser von irgendwelchen Idioten, die nicht einmal rechtschreiben können. Es sind Menschen aus allen Bildungsschichten und äußerst unterschiedlichen persönlichen Hintergründen, die da auf Facebook ablassen. Noch schlimmer sind nur die, die bewusst hetzen, lügen, aufwiegeln und spalten – nicht, weil sie gar so empört oder einer fixen Überzeugung sind, sondern um das Geschäft von Politikern oder Konzernen zu bedienen. Wir alle sind verführbar – das Bewusstsein dafür sollte so früh wie möglich geschärft werden. Und alle sollten wissen, dass Facebook immer selektiert und filtert und uns das präsentiert, was wir angeblich wollen und zusätzlich das, was von gewissen Gruppen bezahlt wird.

Beteiligen Sie sich aktiv an Diskussionen im Internet, um extremen Positionen mit Vernunft zu begegnen?

Ganz selten. Ich vergeude meine Zeit ungern. Wenn ich das Gefühl habe, es besteht zumindest eine Aussicht auf eine differenzierte Sicht der Dinge, probiere ich es bisweilen. Aber leider ist es auf Facebook so, dass die Empörung enorm ist, wenn man anderer Meinung ist. Das trifft leider nicht nur auf rechte Foren zu, sondern auch auf andere. Auf Twitter bin ich nicht, das ist mir zu verkürzt. Ein Wortwechsel aus PATRIOTEN:  „Man kann in 140 Zeichen nicht die Wahrheit sagen.“ – „Nein. Aber man kann in 140 Zeichen lügen.“

Der Roman stellt die heutige Situation in den Brennpunkt, in der viele Informationen bekannt sind, die aber zum einen nicht alle wahr sein müssen und zum anderen vielfältig interpretierbar ist. Viele sind verunsichert, was wahr ist. Warum ist das heute so viel schwieriger zu beurteilen als noch vor wenigen Jahren?

Weil wir mit Meldungen und Meinungen zugemüllt werden. Das ist die eigentliche Gefahr der sogenannten Sozialen Medien. Dabei glaube ich durchaus, dass sie auch ihre positiven Seiten haben. Es ist nett, etwas über Freundinnen mitzubekommen, die weit entfernt sind.  Und ab und zu gibt’s auch hochinteressante Postings. Facebook gäbe die Chance, unseren Horizont zu erweitern. Und was Fake News angeht: Die hat es immer schon gegeben, nur: Wenn einem eine Person von Angesicht zu Angesicht Unsinn erzählt, dann kann ich das viel leichter erkennen. „Schmähtandler“ hat man die in Österreich früher genannt. Außerdem kümmern sich jetzt Menschen professionell darum, uns zu verunsichern. Viele Meldungen, egal ob online oder zuerst analog, zielen darauf ab, uns auf eine Seite zu ziehen.

Und was ist aus Ihrer Sicht der richtige Umgang mit der gestiegenen Verunsicherung?

Nicht sofort emotional reagieren. Genau hinsehen, woher etwas kommt. Im Internet den Gegencheck machen. Und: Gute Zeitungen und andere Medien nutzen. Herkömmlicher professioneller Journalismus ist in unserer Zeit wichtiger denn je. Wir brauchen Profis, die recherchieren und über Fakten und Zusammenhänge berichten.

Was möchten Sie beim Leser mit „Patrioten“ bewirken?

Dass wir Schreibende nichts anderes können und wohl auch wollen, als Geschichten zu erzählen, hat sich inzwischen herumgesprochen. Das ist bei mir nicht anders. Aber wenn ich anhand von Personen über Themen erzähle, die mit unserer Gesellschaft zu tun haben, wenn ich auch versuche, auch in fiktiven Texten Fakten statt Fakes zu vermitteln, dann habe ich die Hoffnung, dass es Menschen gibt, die darüber nachdenken. Die Schlüsse, die sie daraus ziehen, sind ihre Sache. Bei der Buchpremiere durfte ich unter anderem mit unserem Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen über den Roman reden. Er hat gemeint, was er am Buch so möge, ist, wie einige der handelnden Personen mit den schwierigen Themen unserer Zeit umgehen. Er hat auf den Punkt gebracht, worum es geht, indem er eine Zeile aus der dritten Strophe der österreichischen Bundeshymne zitiert hat: „Mutig in die neuen Zeiten“.

Was bedeuten die Symbole auf dem Cover?

Das sind Versatzstücke von Machtsymbolen … religiösen und politischen. Es ist ja so, dass momentan viele aus allem Möglichen eine eigene Ideologie basteln und dann noch behaupten, das sei weder links noch rechts, sondern nahe bei den Menschen. Fast immer ist sie in Wirklichkeit bloß Mittel zur Macht.

Sie lassen ja bewusst einiges offen im Roman. Wird es eine Fortsetzung geben?

Ich glaube nicht. „Die“ Lösung unserer Zeitthemen gibt es nicht. Europa steht auf dem Scheideweg. Die gute Nachricht: Wir haben es in der Hand, uns anständig zu verhalten. Und wir können, auf der Basis der Grund- und Freiheitsrechte, gemeinsam vieles noch besser machen.

Vielen Dank.

 

Fotonachweis Artikelfoto: Fotowerk Aichner

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