Interview mit Andreas Pflüger zu „Niemals“

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Anfang Oktober ist der neue Thriller von Andreas Pflüger erschienen und ich habe auf der Frankfurter Buchmesse die Gelegenheit ergriffen, ihn dazu zu interviewen. Gute Unterhaltung!

Herr Pflüger, wie schwer war das, diese komplexe Figur  der Jenny Aaron zu entwickeln?

Ich suchte eine Frauenfigur für einen Thriller, die nie aufgibt. Eine, die eine irrsinnige Power hat. Diese Vorstellung hatte ich im Kopf und dann habe ich die Autobiografie des französischen Philosophen Jacques Lusseyran gelesen, der im Alter von acht Jahren erblindet ist. In dem Buch schildert er, wie er mit der Behinderung gelernt hat zu leben. Dass er sogar Glück im Blindsein findet. Das hat mich sehr fasziniert und so entstand die Idee, aus Jenny Aaron eine blinde Frau zu machen. Weil dieser Überlebenswille von ihr gleichzeitig ein Paradigma ist für die Behinderung als solche. Denn ein Mensch, der erblindet, muss immer um sein Leben kämpfen. Er muss ein neues Leben erfinden, sonst geht er kaputt.
Das war die Grundidee für Jenny Aaron. Aber dass sie so geworden ist, wie sie jetzt ist, das ist kein gewollter Prozess gewesen. Ich schreibe Romane nur mit einer vagen Grundidee und über die Dramaturgie dieses Buches habe ich gar nicht groß nachgedacht. Ich lasse meine Figuren an einer sehr, sehr langen Leine und schon nach kurzer Zeit entwickeln sie ein Eigenleben. Ich bin nicht der allwissende Gott in meinen Büchern, sondern meine Figuren erzählen mir, woher sie kommen, wohin sie wollen, wovon sie träumen. Ich bin nur der Chronist. Sie tun sogar sehr oft Dinge, die ich nicht verstehe und die ich manchmal auch nicht gutheiße. Ich rede dann mit ihnen darüber und meistens bestehen sie darauf, dass sie so sind, wie sie sind.
Ich werde in Interviews oft gefragt, wie ich dieses oder jenes meine, weil die Bücher ja auch voller kultureller Bezüge sind. Und ich kann diese Fragen meistens gar nicht beantworten, weil ich es selbst nicht weiß.

Und was fanden Sie am Blödsten bei einer Ihrer Figuren?

Am allerdoofsten fand ich, als mir Jenny nach etwa 80 Seiten mitgeteilt hat, dass sie dem Bushido anhängt. Ich wusste überhaupt nichts über den Bushido und mir war sofort klar, dass ich jetzt unfassbar viel über den recherchieren muss. Das hat mich Monate gekostet und da habe ich meine Hauptfigur verflucht.
In meinen Romanen gibt es viel Gewalt und manchmal ist mir zu brutal, was sie tut. Sie ist tatsächlich eine Frau wie eine Waffe. Aber sie ist eben so.

Ich habe bei Aaron nicht verstanden, dass sie am Ende des ersten Einsatzes ihr Mikro abnimmt, bevor der Einsatz komplett vorbei ist. Wie konnte sie so unvorsichtig sein?

Für sie ist der Einsatz in diesem Moment vorbei. Sie wird von Glück überflutet. In ihrer Handtasche ist ein riesiger Schatz und es war sehr gefährlich, diesen Schatz in ihre Hände zu bekommen. Sie ist ist in diesem Moment blind vor Glück.

Der Schatz in ihrer Handtasche sind Fotografien von Dokumenten, die sie mit ihrem Handy gemacht hat. Das Handy geht dann verloren und damit auch der Schatz. Gab es damals echt noch keine Cloud?

Nein, das habe ich akribisch recherchiert. Vor 10 Jahren haben wir noch nicht mal über eine Cloud geredet.

Bei Aaron und Pavlik finde ich die kleinen Gesten beachtenswert wie sie z. B. im Lokal eine Hand am Stuhl halten, um im Notfall schnell aufspringen und den anderen schützen zu können. Denken Sie sich solche Kleinigkeiten aus?

Sowas können Sie sich nicht ausdenken. Oder wenn man das kann, dann wäre mir das zu mühsam. Ich habe für meinen ersten Roman fünf Jahre recherchiert in der Welt des BKA, der verdeckten Ermittler, über Sondereinheiten usw. Ich konnte dabei Menschen kennenlernen, die so einen Job wie Pavlik oder Aaron machen. Die gibt es im wirklichen Leben tatsächlich. Und von solchen Dingen wie diesen eingespielten Gesten haben die mir erzählt.

Und das sind auch keine Psychopathen? Pavlik und Aaron sind ja extrem nett, obwohl sie einen Knochenjob haben, der sie immer wieder an Grenzen bringt.

In Thrillern werden diese Menschen oft als Einzelgänger und wortkarge Machos dargestellt, aber das sind sie im wirklichen Leben nicht. Im BKA und bei der GSG9 zählt es sogar zum Anforderungsprofil, dass jemand, der über lange Zeit in einen verdeckten Einsatz geht, eine Familie hat. Dass er im optimalen Fall auch Kinder hat. Das sind Leute, die ein sehr starkes Gefühl dafür besitzen, welchen Verlust es bedeuten würde, wenn sie sterben oder wenn sie einen Fehler machen, der jemand anderen das Leben kostet. Man sucht diese Menschen, die Pavlik sehr ähnlich sind. Ich werde sehr oft von weiblichen Lesern angesprochen, die sich alle in Pavlik verknallt haben. (lacht) Natürlich habe ich Pavlik überhöht, aber das gilt ja für alle Figuren, das ist gewollt.
Wenn ich ins Kino gehe, dann schaue ich mir keinen Film an über Menschen, die in einer Küche sitzen und über ihre Probleme reden. Ich will von einem Film überwältigt werden. Und das wollte ich übertragen auf Literatur. Ich möchte, dass meine Leser überwältigt werden von meinen Büchern. Deswegen sind bei mir alle Figuren größer als das Leben. Und daher kommt ein Mann wie Pavlik in der Realität vermutlich nicht vor, aber im Grundsatz sind diese Männer ganz genauso wie Pavlik.

Im Buch sagt ein Arzt zu Aaron, sie sähe aus wie eine Frau, die den ganzen Tag Kierkegaard liest. Der hat ja nun auch umfangreiche Tagebucheinträge verfasst.

Damit meint er etwas Anderes. Und dafür ist es wichtig zu wissen, dass ich Theologie, Psychologie und Philosophie studiert habe. In meinem Arbeitszimmer finden Sie eine ganze Abteilung mit philosophischer Literatur. Das fasziniert mich und in meinen Büchern finden sich viele Anspielungen auf Philosophie und Literatur, was ungewöhnlich für Thriller ist.
Was der Arzt meint, als er das zu Aaron sagt, ist, dass Kierkegaard eine Philosophie der Schuld entwickelt hat. Und das ist eine Anspielung darauf, dass sie glaubt, ihre Erblindung sei eine Strafe. Ihre Replik darauf ist sarkastisch, denn sie sagt „jaja, und zum Chillen Schopenhauer“, der in dieselbe Kerbe gehauen hat.

Hat das was mit dem Theologen in Ihnen zu tun, dass Ihre Figuren so ethisch sind und sogar der Erzfeind genau wie Aaron dem Bushido anhängt?

Das glaube ich nicht. Ich bin ja schon als Agnostiker in dieses Studium gegangen und habe es gewählt, weil ich Bildung erwerben wollte. Als es dann in den praktischen Teil gehen sollte, hab ich das Studium geschmissen und bin aus der Kirche ausgetreten. Im Studium hab ich auch nur am Rande vom Bushido gehört. Man muss kein religiöser Mensch sein, um Gut und Böse voneinander zu unterscheiden.

Wo ist für Sie der Unterschied, ob Sie ein Drehbuch oder einen Thriller schreiben?

Das ist ein großer Unterschied. Ein Drehbuch hat sehr viel mit Mathematik zu tun, es muss bestimmten formalen Regeln der Dramaturgie gehorchen. Das ist bei einem Roman grundsätzlich anders, was ich sehr genieße. In einem Roman habe ich absolute Freiheit. In einem Roman dürfen Sie alles und das ist toll. Und dazu ist ein Drehbuch natürlich sprachlich ärmer, abgesehen von den Dialogen. Der Rest besteht im Drehbuch aus sachlichen Regieanweisungen.
Obwohl ich so viele Drehbücher geschrieben habe, habe ich mich nie als Drehbuchautor empfunden, sondern als Autor. Ich bin in das Drehbuchschreiben genauso reingerutscht wie in das Schreiben von Thrillern. Ich tu mich auch schwer mit dem Wort „Krimi“. Ich schreibe gar keine Krimis. Ich würde mich auch schwertun zu sagen, was ich überhaupt schreibe, aber es sind keine Krimis. Ich bin ein Erzähler und es bedeutet mir nicht so viel, in welcher Form ich erzähle.

„Niemals“ beginnt ja ungefähr vier Wochen nach dem Ende der Handlung in „Endgültig“. Überlegen oder schreiben Sie jetzt schon, wie es nach „Niemals“ weitergeht?

Nein. Es mag Autoren geben, die sofort nach dem einen Roman den nächsten schreiben können, aber ich kann das nicht. Ich möchte das auch nicht. Ich brauche jetzt erstmal eine Ruhepause. Der Roman war sehr anstrengend und ich habe ihn auch schnell geschrieben. Genau wie „Endgültig“ habe ich dieses Buch in neun Monaten geschrieben und das ist sehr, sehr schnell. Zur Entspannung habe ich in den letzten Monaten einen Weimarer Tatort fertig gestellt.
Und ich war bis zuletzt mit „Niemals“ beschäftigt. Ich habe es nämlich zusammen mit einem der weltbesten Designer gestaltet, mit Erik Spiekermann. Wir haben das Buch gemeinsam 14 Tage lang selbst gesetzt. Deshalb habe ich erst vor etwa vier Wochen dieses Buch losgelassen. Und es wird sicher bis Anfang nächsten Jahres dauern, dass ich mich hinsetze und Aaron frage, wie es so weitergeht.

Sie hat ja jetzt auch zwei Milliarden. Wer weiß, was das mit einem Menschen macht.

Ja, das ist auch eine Frage. Wer weiß, was sie mit diesen zwei Milliarden machen wird. Das ist ja sehr viel Geld.

Sie weiß ja auch, dass dies schmutziges Geld ist. Ich habe mich gefragt, ob sie das stört.

Das weiß ich auch nicht, das ist eine interessante Frage. (lacht)

Sie sind ja beim Schreiben quasi ständig paranoid. Färbt das ab? Sind Sie in der Zeit, in der Sie schreiben, sozial etwas inkompatibel?

Ein Autor muss die Menschen, die er beschreibt, lieben. Und zwar alle, nicht nur die rasend Sympathischen. In meinem Thriller gibt es einige Subjekte, die man nicht zwingend als Freund haben möchte. Und trotzdem müssen Sie als Autor zu dieser Person werden, während Sie schreiben. Das führt zu Übertragungseffekten, die enorm sind. Manchmal sitze ich am Schreibtisch und heule eine halbe Stunde, weil der Mensch, der ich in diesem Moment bin, etwas Schlimmes erlebt. Wenn meine Frau das sieht, dann weiß sie, dass nichts in der wirklichen Welt passiert ist und lässt mich damit allein. Wenn ich abends Feierabend habe, warte ich eine Stunde, bis ich von meinem Arbeitsbereich in unseren Wohnbereich gehe und in dieser Stunde spiele ich Skat im Internet. Nicht, weil ich so große Lust auf Skatspielen habe, sondern weil ich diese Figur abstreifen muss und Andreas Pflüger werden will. Wenn man das nicht schafft, dann wird man tatsächlich paranoid oder verrückt.

Eine Frage noch zum Abschluss: Warum spielt ein Großteil dieses Romans in Marrakesch? Hat das für Sie eine besondere Bedeutung?

Ja, Marrakesch ist meine Sehnsuchtsstadt. Ich war zum ersten Mal mit Anfang 20 dieser Stadt und inzwischen haben wir dort viel Zeit verbracht. Ich könnte mir sogar vorstellen, in Marrakesch zu leben. Und diese Stadt ist wie gemacht für Blinde, weil sie voller Gerüche und Geräusche ist und weil sie eine große Opulenz hat, etwas Rauschhaftes. Und alles, was in diesem Roman passiert, ist rauschhaft. Auch die Gewaltszenen sind rauschhaft. Die Handlung ist wie eine Oper inszeniert und das kommt durch Marrakesch. Wenn Aaron nach London gegangen wäre, hätte ich das anders geschrieben. Ich habe vorher gesagt, ich möchte meine Leser überwältigen. Das ist das gleiche, wie sie in einen Rausch zu versetzen. Genau das will ich.

Ich finde ja faszinierend, dass Sie mich in diesen Rausch versetzen, obwohl meine rationale Stimme sagt, Aaron ist viel zu perfekt, um glaubhaft zu sein.

Ich freue mich jedes Mal zu hören, dass Menschen beim Lesen meiner Bücher Adrenalin empfinden. Das ist für mich das größte Lob.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Pflüger.

 

Fotonachweis Artikelfoto: Andreas Pflüger privat

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