„Die Wand der Zeit“ von Alastair Bruce

Nach langer Zeit habe ich mich mal wieder auf etwas anderes als einen Krimi gestürzt. Und zwar ganz einfach, weil ich das Cover so schön fand 🙂 Ein Mann schiebt sich auf einem Floß über’s glatte Meer. Unter der Wasseroberfläche scheint eine Stadt versunken, über ihm ein wolkenverhangener Himmel. Und die Blautöne des Wassers gehen so wunderbar in den petrolfarbenen Himmel über, dass ich mich gar nicht daran sattsehen kann. Der Klappentext des Buchs war mir dann fast egal, ich wollte es unbedingt lesen.

Die Wand der Zeit“ heißt der Debütroman von Alastair Bruce und ist vorletzte Woche im Kunstmann Verlag erschienen. Darin geht es um Bran, der allein auf einer Insel lebt und das schon seit vielen Jahren. In dieser Zeit hat er sich eine Routine angeeignet, die ihm das Überleben sichert. Er schwimmt, fischt, sticht Torf, hackt Holz und beobachtet, wie das Meer nach und nach die Küste verschlingt. All das beunruhigt ihn aber nicht, denn gemäß seiner Berechnungen reichen die Ressourcen genau bis zu seinem Tod. So richtig angenehm ist das zwar nicht, so allein auf einer Insel, auf der es zudem fast permanent regnet und nie die Sonne scheint. Aber was kann er sonst noch vom Leben erwarten, er der von seinem Volk verbannt wurde.

Als eines Tages ein anderer Mann auf seiner Insel auftaucht, stellt Bran fest, dass er sogar das Sprechen fast verlernt hat. Der dicke Mann irritiert ihn. Er bringt Brans Rhythmus durcheinander. Er spricht nicht und doch kommt er Bran bekannt vor. Fantasiert er? Dann ist er sich sicher, der dicke Mann war vor 10 Jahren sein Verhandlungspartner. Damals, als Bran und der andere jeweils Marschalls verfeindeter Völker waren und realisierten, dass beide Völker nur durch Frieden eine Zukunft haben. Ob der dicke Mann Bran auch erkennt? Und in welcher Absicht ist er auf die Insel gekommen? Ist dies der Beginn neuer Streitereien, weil ein Volk die Territorialgrenzen nicht mehr respektiert?

Bran beginnt sich zu erinnern. An den Krieg, den Frieden, die knappen Ressourcen. Seinen „großen Plan“, der seinem Volk das Überleben sichern sollte. Nach dem die Gesunden, Starken weiterleben durften und alle anderen sterben mussten. Er selbst hat die Klassifizierung vorgenommen und sogar einige dem Tode Geweihten persönlich zum Henker gebracht. Wie z.B. die Mutter seiner Geliebten. Was für ein Einschnitt in deren Beziehung! Nicht lange danach wurde er entmachtet, von seinem Stellvertreter an der Macht abgelöst und mit nichts als einem Floß in die Verbannung geschickt.

Nun sieht es Bran als seine Verpflichtung an, den Marshall des anderen Volkes zu seinem Nachfolger zu bringen. Auch auf die Gefahr hin, dass ihn dort der sichere Tod erwartet. Vielleicht kann er aber auch seine frühere Geliebte noch einmal sehen… Er zimmert ein Floß und macht sich auf den Weg.

Dieser Roman nimmt einen wirklich mit in eine andere Welt. Sie liegt irgendwo am Meer, beschränkt sich auf 2 Völker und ‚heute‘ ist offenbar  nach einem katastrophalen Krieg. Mir gefällt, dass diese Welt nicht ellenlang beschrieben wird, sondern dass der Leser von der 1. Seite an mittendrin ist. Alles ist schlüssig und passt gut zusammen. Die Sprache ist bildhaft und präzise (also nix blumiges) und es hat mir Spaß gebracht, das Buch zu lesen, obwohl das Thema von Schuld und der Verantwortung weitreichender Entscheidungen ja sehr ernst ist. Und doch vergebe ich lediglich 3 Mimis, weil ich mich nicht so richtig mit Bran identifizieren konnte und daher irgendwie das Buch als Beobachter  etwas differenziert gelesen habe. Ob das an der Person Bran, an Alastair Bruce oder an mir liegt, kann ich nicht herausfinden. Aber schade ist das.

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