„Tower” von Ken Bruen und Reed Farrel Coleman

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2009 ist „Tower” schon in Amerika erschienen, aber jetzt erst auf Deutsch veröffentlicht worden. Und da ich ein großer Fan von Ken Bruens Jack-Taylor-Reihe bin, ist dieses Buch natürlich eine Pflichtlektüre für mich.

Worum geht’s? Nick und Todd sind seit ihrer Kindheit Freunde. Sie wachsen in Brooklyn auf, beide in disfunktionalen Familien, und beide rutschen sie in die Kleinkriminalität. Nick hat irische Wurzeln und sein Vater arbeitet als Wachmann im Nordturm des World Trade Centers, nachdem er als Polizist verletzt in Frührente gehen musste. Nick wird von seinem Vater regelmäßig verprügelt, was sich Todd fast wünscht, denn es wäre zumindest überhaupt irgendein Zeichen von Interesse seiner Eltern an ihm. Todd wächst in einer jüdischen Familie auf, aber von religiösen Werten ist weit und breit nichts zu spüren. Nick und Todd arbeiten sich im Geflecht von Mafia und illegalen Geschäften die Karriereleiter hoch, aber sehr weit kommen sie nicht. Sie stolpern beide auf dem Weg, der gepflastert ist mit Gewalt, Verrat und Misstrauen.

Bruen und Coleman haben einen interessanten Weg gefunden, die Geschichte der beiden Protagonisten zu erzählen. Das Buch ist hauptsächlich in 2 Teile geteilt. Im ersten Teil schreibt Bruen über Nick, der von einer unbändigen Wut getrieben zu sein scheint und im zweiten Teil schreibt Coleman über Todd, der ungerührter als Nick Gegner aus dem Weg räumt, dabei aber eine stärker ausgeprägte romantische Ader hat. Obwohl beide Teile komplett nacheinander erzählt werden, greifen sie wunderbar ineinander. Und das nicht nur, weil sie beide die gleiche Geschichte aus unterschiedlicher Perspektive erzählen. Sie passen stilistisch wunderbar zusammen und ergeben ein rundes Ganzes. Trotzdem ist es nicht langweilig, denn sie verdeutlichen, was Nick und Todd einander nicht erzählen. Wie sie das Verhalten des jeweiligen anderen interpretieren und was sie treibt.

Die Frage, was sie treibt ist in meinen Augen hier eine besonders interessante, denn beide  taumeln so durch ihr Leben. Sie suchen Zugehörigkeit durch die Bars, die sie besuchen, die Klamotten, die sie tragen, das Baseball-Team, für das sie mitfiebern und die Gruppen, denen sie angehören wollen. Sie lassen sich unterschiedlich intensiv auf Liebesbeziehungen ein, erzählen einander davon aber kaum. Kann dann ihre Freundschaft Bestand haben, wo sie doch unterschiedliche kulturelle Wurzeln haben und Todd zudem noch seine Loyalität zu einem anderen Baseball-Team wechselt?

Der Titel „Tower” kann aus 2 Gründen gewählt sein. Zum einen spielt die Handlung am Vorabend des Terroranschlags vom 9. September 2001 auf die Türme des World Trade Centers und dort arbeitet auch noch Nicks Vater. Zum anderen sprechen Nick und Todd zwar beide die gleiche Sprache, aber im Laufe ihrer kriminellen Karriere behalten sie ihre Ängste und Probleme mehr und mehr für sich. Sie unterhalten sich fast nur noch über Belanglosigkeiten – über die wichtigen Dinge ihres Lebens herrscht Sprachlosigkeit und obwohl sie sich häufig treffen, kennen sie einander immer weniger. Als würden sie unterschiedliche Sprachen sprechen wie beim biblischen Gleichnis des Turmbaus zu Babel.

Mir hat neben der Handlung vor allem die Sprache besonders gut gefallen. Bruen und Coleman beherrschen sowohl den Strassenjargon New Yorks wie auch ironische Passagen und bei beiden hab ich auch hier und da mal gelacht. In dem Sinne ist das Buch wie ein virtuoses Konzert zweier Meister, die prima miteinander harmonieren. Trotzdem gibt es „nur” 4 Mimis von mir, weil mir das Ende nicht gefallen hat. Hier gibt’s keine Spoiler, deshalb behalte ich das Warum für mich. Und vielleicht geht’s Euch ja auch ganz anders.

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